Kanumagazin 2001
 


  
Der Mann hinter der Marke
  
1984 gründete der Wildwassercrack Horst Fürsattel eine Firma für Sicherheitszubehör. Während er beim Firmennamen wenig erfinderisch auf seine Initialen zurückgriff, investierte er bei der Entwicklung von Wurfsäcken und Schwimmwesten deutlich mehr Kreativität.
  
Die Einsicht, dass die aktuelle Paddelgeneration wohl kaum mehr wisse, wer der Macher hinter dem Kürzel »°hf« ist, kam ihm bei den Rosenheimer Kanutagen im Februar. Horst Fürsattel, im Nebenhobby professioneller Eventbeschaller, war gerade damit beschäftigt seine mannshohen Lautsprechertürme von der Bühne zu wuchten, als ihn ein Rodeoyoungster ansprach. Ob er nicht auch das nächste Rodeo seiner Kumpels beschallen könne, lautete die höfliche Frage. Bis hierher noch alles im grünen Bereich. Doch als der Kollege auf Horsts Antwort, dass er noch nicht genau wisse, ob er da Zeit habe, nachhakte, entglitten ihm doch die Gesichtszüge. Wieso, wollte der Möchtegern-Rodeoveranstalter wissen, was machst du denn sonst noch?
Als uns Horst diese Anekdote wenige Wochen später erzählt, kann er schon wieder herzhaft lachen. Und dem Unwissenden hat er auch verziehen. Schließlich ist er in den letzten Jahren ja auch primär als Rodeo-DJ und Cartwheel-Kommentator in Erscheinung getreten und nicht als „Onkel Dittmeyer“ des Sicherheitsgedankens.
Ähnliches ist ihm auch schon beim legendären „AKC-Öfenrennen“ vor einigen Jahren widerfahren. Damals starteten wahllos zusammengewürfelte Dreierteams zu einer „Schnitzeljagd“ durch die Lammer- und Salzachöfen. Horsts Teamgefährten wussten zwar schon einige Hintergründe mehr über den stämmigen Franken, doch eine Fahrt durch die Öfen wollten sie ihm nicht so recht zutrauen. Ob er, der professionelle Geschäftsmann, denn wisse, was ihn da vorne im finsteren Schlund erwarte, fragten sie vorbeugend. Doch Horst Fürsattel wusste Bescheid, er war ja auch schon seit drei Jahrzehnten ein überaus professioneller Paddler.
  
Das erste Kajak
Der gebürtige Nürnberger entstammt nämlich einer passionierten Paddlerfamilie und hatte schon mit sechs Jahren sein erstes Boot. Damit schipperte er aufgeregt dem Vater auf mittelfränkischen Flüssen hinterher. Horst hatte Glück, die Freunde der Eltern sind ebenfalls Paddler und haben Kinder im gleichen Alter. Spielerisch entwickelt er so schon früh eine ausgefeilte Technik, mit der er im Alter von neun Jahren die ersten Wildwasser der Alpen erfolgreich bezwingt. Natürlich in seinem eigenem Kajak. Nach diesem Erlebnis ist er angefressen, zahlreiche Ausfahrten, meist mit seinem Freund Jörg Salomon, bestimmen seine Jugend. Im fortgeschrittenen Stadium seiner Pubertät beginnt Horst auch mit dem Klettersport. Klar, dass der Freigeist dabei den Freiklettergedanken favorisiert und sich bevorzugt in der Fränkischen Schweiz tummelt. Dort lernt er auch die beiden Weltklasse-Klettermaxe Wolfgang Güllich und Kurt Albert kennen. Gemeinsam ziehen sie los und kreieren neue Routen. Ein Relikt dieser Zeit ist die noch heute populäre Route „Pleitegeier“ am Röthelfels im Schwierigkeitsgrad 7+, eröffnet von Horst Fürsattel. Während Güllich und Albert sich weiter bis zum elften Freiklettergrad pushen und ihr asketisches Kletterdasein fristen, bleibt Fürsattels liebste Beschäftigung allerdings das Paddeln. Mittlerweile Student der Werkstofftechnik verdient er sich seine Brötchen nebenbei als Kajaklehrer bei Manfred Eder und dessen Kanuschule Noris. Die Butter und der Belag kommen allerdings vom LKW-Fahren und seinem technischen Händchen. So jobbt er als Roadie für die Manfred Mann’s Earth Band, schleppt Boxen, verlegt Kabel und schaut dem Tonmeister über die Schulter.
Das verdiente Geld investiert er in Kajakurlaube während und zwischen den Semestern. Während dieser Zeit erlebt er als engagiertes AKC-Mitglied auch die Hochphase des Clubs hautnah mit. In Vier-Meter-Booten bolzen die unerschrockenen und integralhelmbewehrten Flussbezwinger schwerstes Wildwasser mit viel Gottvertrauen und selbstgebastelten Wurfsäcken aus Seil und Lenorflaschen hinab. Kaum ein Jahr, in dem nicht ein Clubfreund ertrinkt. Nur der Himmel scheint das Limit. Dann Korsika.
  
Tragödie auf Korsika
1984 veranstaltet Horst das erste Wildwasser-Camp auf Korsika. 10 Kanulehrer führen 40 Teilnehmer durch das Wildwasserparadies Korsika. Die Zeit vor dem Camp ist Urlaub: Oberer Vecchio, oberer Rizzanese – jeden Tag haken Jörg Salomon und Horst Fürsattel einen der schweren Klassiker der Insel ab. Dann eine Woche Arbeit als Kajaklehrer in weniger steilen Gewässern. Nach zwei Wochen ruft das Studium, das Camp ist unfallfrei über die Bühne, Horst ist zurück im Frankenland, Jörg bleibt noch länger auf der Insel und fährt zu zweit den unteren Taravo. Unterhalb einer einfachen Stufe steht ein Angler, fängt Fische. Jörg will als Erster fahren, bedeutet seinem Mitfahrer zu warten, will von unten Signale geben. Er verschwindet hinter der Kante, ist weg. Sein Signal bleibt aus, doch der Angler fischt in aller Seelenruhe weiter. Wird wohl noch ein Kehrwasser suchen, tröstet sich der Mitpaddler. Als er nach einer endlos langen Minute aussteigt, um nach dem Rechten zu sehen, erkennt er Jörgs Kajak schemenhaft auf dem Grund der Stufe. Für eine Rettung kommt jede Hilfe zu spät. Horst bester Freund verliert sein Leben nach unzähligen Fahrten im extremen Schwierigkeitsbereich an einer Pipifax-Stelle.
Schon vor diesem Unglück hatte Horst begonnen, sich intensiver mit dem Thema Sicherheit beim Paddeln auseinander zu setzen. In einer Zeit, in der andere allein damit beschäftigt waren, ihre Kajaks mittels eingebauter Alubügel für den nächsten Steckunfall zu präparieren, suchte Horst schon nach Lösungen zur Kameradenrettung.
Zusammen mit einigen anderen AKC’lern, darunter Topoerfinder Holger Machatschek, probiert er verschiedene Schleppleinen zur Rettung bewusstloser Schwimmer aus. Während Machatschek eine an der Schwimmweste fixierte Version propagiert, entwickelt Horst ein Modell zur Montage am Boot. Mit dieser zog er „im Schlepptau“ von Paddelbauer Erich Schlegel durch deutsche Kanushops um seine Erfindung vorzustellen. Ein richtiges Business hat der Student damals noch nicht im Sinn, doch als Sport Scheck in München 1984 prompt 100 Stück ordert, steht er vor einem Problem. Wollen diese doch auch eine echte Rechnung, inklusive Mehrwertsteuer und echter Firmierung. Kurzerhand zieht er mit Sport-Scheck Mann Peter Wilfart in die „Hundskugel“, eine nahe Kneipe, und lässt sich von ihm Vorschläge für einen Namen machen. „HF-Kajaksport“ oder so, schlägt der Käufer dem konsternierten Franken vor. Flugs wird der Pakt besiegelt, Horst holt sich einen Gewerbeschein und wirft daheim die Nähmaschine an.
  
Schwimmwesten für die Ewigkeit
Seit 1982 gibt es die AKC-Multisafe, die erste Rettungsweste in der Geschichte des Kanusports. Die AKC-Multisafe bietet neben Auftrieb auch einen stabilen Bergegurt und eine weiterentwickelte Aufnahme für Machatscheks integrierte Bergeleine. Während Horst noch an seinem Modell für die Bootsmontage festhält, beginnt er zusätzlich mit der Produktion von funktionellen Wurfsäcken (ohne Lenorflaschen). Und er tüftelt einen leichten Bergehaken für die Paddelmontage aus, mit dem man seinen Radius um die Paddellänge erweitern kann. Die Produktion der Multisafe wird derweil an Helly-Hansen vergeben.
Angeregt von der Idee hinter der Multisafe, beginnt Horst ein eigenes Schwimmwestenmodell zu entwickeln. Heraus kommt die „Cordura Classic“, eine Schlupfweste ohne jeglichen Schnickschnack, dafür aber aus enorm robustem Cordura-Material und einem Brustgurt, der Kräfte von weit über 500 Kilogramm aushält. Nach wie vor fast unverändert im Programm, wird die Cordura-Classic aufgrund ihrer Langlebigkeit schnell zum erfolgreichsten Produkt im Sortiment. Noch heute trifft man Paddler auf dem Bach, die mit einer völlig intakten Weste der ersten Serie durch die Gegend schippern. Nach diesem Erfolg und dem nachlassenden Interesse von Helly-Hansen überträgt ihm der AKC auch die Produktion der Multisafe.
Damit nimmt der Erfolg des Labels »°hf« seinen Lauf. Jedes Jahr wird die Produktpalette weiterentwickelt und erweitert. Erst kommen diverse wasserdichte Packsäcke hinzu, dann entwickelt er eine Spritzdecke mit bombensicheren Sitz auch auf Problemsüllrändern, schließlich sogar Schwimmwesten für Kanufahrer, die so bequem sind, dass sie auch von Schwimmwestenmuffeln getragen werden. Shaun Bakers Company »Playboater« übernimmt die Spritzdecken, der Rucksackspezialist »Fährmann« die Schwimmwesten.
Um seine Produkte besser vermarkten zu können, tüftelt er mit Eskimo und Prijon das „Pro-Team“ aus – ein für die Kanubranche ungewöhnliches Sponsoringkonzept, in dem er die Meinungsbildner der Szene versammelt. Zeitweise sind über 30 Mitglieder im Team, bestehend aus Kajaklehrern, Fotografen, Expeditionisten und Rodeoartisten. Für die bereitgestellte Ausrüstung (oft Prototypen) revanchiert man sich mit Verbesserungsvorschlägen, resultierend aus dem oft tagtäglichem Einsatz, und veröffentlichten Artikeln und Fotos, auf denen das „fotogene“ °hf-Logo kaum zu übersehen ist.
Es folgt die Gründung einer zweiten Firma namens PED-Service, inzwischen umbenannt in „Paddle-People“. Unter diesem Deckel vertreibt und importiert er die Marken PALM, WERNER, ECKLA und ORTLIEB. 1998 übernimmt Horst zudem die Paddelmanufaktur SCHLEGEL von Wolfgang Karger, der die Geschicke des pensionierten Erich Schlegel bis auf weiteres geleitet hatte.
  
Drum & Bass in Kirchensittenbach
Bedenkt man diese Vielfalt von Produkten, möchte man kaum glauben, dass sich hinter den Firmen °hf und Paddle-People nach über 17 Jahren immer noch ein Familienbetrieb verbirgt. Doch zusammen mit Frau Ingrid managt der bekennende Workaholic (den man besser nicht vor elf Uhr vormittags persönlich am Telefon verlangt) sein „Imperium“ noch immer als Two-People-Show. Nur vom hektischen Nürnberg haben sich die Fürsattels längst verabschiedet um ins betuliche Kleedorf-Kirchensittenbach in der Hersbrucker Schweiz zu ziehen. Ein Ort mit nur einer Straße, in der die Häuser nummeriert sind und in dem man besser Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr wird, will man nicht den Argwohn der übrigen 80 Kleedorfer auf sich ziehen.
Diese wundern sich ohnehin schon genug, wenn Horst daheim den Soundcheck fürs nächste Rodeo probt. Denn aus dem Studentenjob „Roadie“ hat sich im Lauf der Jahre die Leidenschaft entwickelt, dem Publikum selbst mal ordentlich einzuheizen. Wenn er auch nicht selbst singt (noch jedenfalls), so verfügt er doch über eine riesige CD-Sammlung und eine DJ-Anlage, mit der er jede Walze übertönt. Seit über fünf Jahren zieht er mit dieser Klangmaschine zu den wichtigsten Rodeos, erfreut Zuschauer wie Teilnehmer und vergrault die Anwohner. Selbst in den USA schätzt man sein Engagement. Befragt nach den Vorzügen der Alpen-Rodeos, antworteten zurückgekehrte Propaddler jüngst: der Sound bis in die Haarspitzen.
Neben seinen Musikausflügen geht Horst natürlich auch selbst noch so oft wie möglich zum Paddeln. Statt extrem Wildwasser fährt er aber lieber ungehemmt Spielboot und ergründet dabei eingehend den Flachboden – eine Erfindung, die er selbst gern ausgetüftelt hätte. Doch so macht er sie sich wenigstens beim Meilensurfen zu Nutze für eigene Einfälle und Eingebungen. Die letzte saß jüngst neben ihm im Kehrwasser, hieß Allan Ellard und trug eine selbst geschneiderte Schwimmweste mit Namen „Serpent“. Überhaupt nicht ehrenkäsig, erkannte Horst sofort das Potential des Juniorschneiders und nahm das Modell nach kleinen Detailverbesserungen in sein Sortiment auf. Denn wer nicht von den Jungen lernt, so beschließt Horst unser Gespräch, hat schon verloren. Eine reife Einsicht für einen, der selbst kaum mehr als 40 Lenze zählt.
  

Oberer Rettenbach 1979
 

Ein „Kinderboot“ kam ihm allerdings erst später ins Haus. Und so holte er mit Begeisterung nach, was ihm das Vier-Meter-Boot verwehrt hatte.
Eiskanal, 1981, Topolino von Holger Machatschek.
 

Die Anfänge: Rettungsgurtproduktion und Babysittern ließen sich prima kombinieren.
(Nürnberg 1986)
 

Meilenstein Cordura Classic 1987: Premiere Cordura-Hülle, weltweit erste Mehrfachumlenkung am Brustgurt und zuverlässige Schultergurte.
 

Wenn der Vater mit dem Sohne – und der Sohn mit dem Sohnemann.
Klein Horst mit Vater 1973 auf der Soca. Und groß Horst mit klein Junior 1994 an gleicher Stelle.
  
Erschienen im Kanumagazin #4/2001, Autor Michael Neumann.
Veröffentlichung auf dieser Webseite mit freundlicher Genehmigung des Autors.
  
   

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